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Nikolaus Harnoncourt erhält ECHO Klassik 2009
Nikolaus Harnoncourt wird für seine CD „Robert Schumann: Das Paradies und die Peri“ mit dem ECHO Klassik-Preis 2009 in der Kategorie „Chorwerk-Einspielung des Jahres“ ausgezeichnet.
Nikolaus Harnoncourt erhält den bedeutendsten japanischen Klassik-Preis, den Record Geijutsu Award 2008 für seine Aufnahme von Schumanns "Paradies und die Peri", der Titel erhielt den "Copper Prize", d.h. die CD befindet sich unter den besten drei Klassikveröffentlichungen des Jahres, ausgewählt von einer Jury der Ongaku-no-Tomo Publishing, die auch das Record Geijutsu Magazine herausgibt. Im Oktober war sein Album bereits als bestes "Vocal Album 2008" ausgezeichnet worden.
Nikolaus Harnoncourt zu dieser Auszeichnung:
"Es ehrt mich sehr, diese bedeutende Auszeichnung zu erhalten, besonders von der japanischen Frachpresse und meinem japanischen Publikum. Die Orchesterproben und die Premiere von "Das Paradies und die Peri" 1843 dirigierte Schumann selbst - sein Debüt als Dirigent übrigens - er war selbst sehr zufrieden und das Publikum feierte ihn enthusiastisch. Das Oratorium wurde in den folgenden Jahren, die der Leipziger Premiere folgten, sehr erfolgreich, Schumanns erster wirklicher Orchestererfolg. Das Stück blieb sehr populär und erlebte mehr als 50 Wiederaufführungen in den folgenden zehn Jahren, geriet dann aber in Vergessenheit. Ich bin mehr als glücklich, dass wir - dank einer fantastischen Sänger-Crew und eines wundervollen Orchesters - in der Lage waren, diese Stück wieder ans Licht zu holen."
Nikolaus Harnoncourt ausgezeichnet – Ehrendoktorat des Salzburger Mozarteums
2008 wurde Nikolaus Harnoncourt in Salzburg das Ehrendoktorat des Salzburger Mozarteums verliehen. Kriterium für diese erstmals vergebene Auszeichnung sei nach Angaben des Mozarteums sein "nachweisliches, auf höchstem Niveau angesiedeltes Ineinandergreifen von musikalischer Praxis, wissenschaftlich fundierter Reflexion und pädagogischer Begabung“. Zusätzlich ehrte die Universität den Dirigenten und Musikwissenschaftler mit einer umfassenden Ausstellung über sein Werk und Wirken.
Nikolaus Harnoncourt im Gespräch mit James Jolly (Senior Editor Gramophone) über J. S. Bach und seine aktuelle Veröffentlichung des "Weihnachtsoratoriums".

Interview als Film
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Bach-Medaille 2007 für Nikolaus Harnoncourt
Für sein Lebenswerk, das "unmittelbar mit der Musik Johann Sebastian Bachs verbunden ist", erhielt Nikolaus Harnoncourt die Bach-Medaille 2007 der Stadt Leipzig. Die Auszeichnung wurde am 10. Juni im Rahmen des Bachfests von Oberbürgermeister Burkhard Jung an den österreichischen Dirigenten überreicht.
Um international herausragende Künstlerinnen und Künstler für deren besondere Verdienste um die Aufführung und Pflege der Musik Johann Sebastian Bachs zu würdigen, stiftete die Stadt Leipzig 2003 erstmals die aus Meissner Porzellan gefertigte Bach-Medaille. Seither wird das "sächsische Gold" mit dem Bach-Kopf jährlich während des Bachfests verliehen. Ein ehrenamtliches Gremium, bestehend aus dem künstlerischen Direktorium des Bachfests, dem Gewandhauskapellmeister, dem Rektor der Musikhochschule und führenden Persönlichkeiten der Stadt Leipzig, wählt die Preisträger aus. Unter den bisherigen Bach-Medaillen-Preisträgern sind Ton Koopman (2006), Sir John Eliot Gardiner (2005), Helmut Rilling (2004) und Gustav Leonhardt (2003).
Mozart braucht unsere Ehrungen nicht – wir brauchen ihn!
Mit Festkonzerten, Ausstellungen und Premieren begingen die österreichischen
Mozartstädte Salzburg und Wien den 250. Geburtstag des Komponisten
am 27.01 2006. Zum Auftakt der offiziellen Eröffnung des Mozartjahres
in Salzburg ehrte Nikolaus Harnoncourt den Komponisten mit einer Künstlerrede
bei einem Festakt im Mozarteum, im Rahmen dessen er mit den Wiener Philharmonikern
Mozarts Symphonie in g-moll, KV 550 interpretierte.
Die Festrede des Dirigenten im Wortlaut
Weil ich meine, Mozarts Symphonie ist die eigentliche Eröffnungsrede,
möchte ich Sie vorher begrüßen, meine sehr geehrten
Damen und Herren. Die Symphonie, die wir jetzt spielen werden, wurde
als Mittelstück der sicherlich zusammengehörigen drei letzten
Symphonien komponiert. Sie stellen offenbar eine Art Weg des Menschen
zu einem Ziel dar.
Ausgehend von der Symphonie in Es-Dur, dem Ton der Liebe, aber auch
des „feierlichen Ernstes“ - führt Mozart uns in
die Abgründe der alles in Frage stellenden g-moll-Symphonie – um
danach im strahlenden C-Dur der Jupiter-Symphonie alles glücklich
aufzulösen und den zuvor verstörten Hörer in Harmonie
zu entlassen. Von den mehr als 40 Symphonien Mozarts stehen nur zwei
in Moll, beide in g-moll. G-moll wurde damals als Todestonart, auch
als Tonart der Traurigkeit bezeichnet und empfunden.
Schon im ersten Thema, das Sie gleich hören werden, gibt es
keine einzige direkt angespielte Note, auf jedem Ton liegt eine Appoggiatur,
ein Vorschlag von oben oder von unten. So wird das scheinbar Einfachste,
ja das Selbstverständliche ungreifbar, es verschwimmt, man hört
wie durch welliges Wasser gesehen. Der 2. Satz beginnt mit dem leicht
versteckten Fugenthema der Jupiter-Symphonie, er steht in Es-Dur,
als sollten die Alpträume des 1. Satzes weggewischt und so gleichsam
eine „Hoffnung auf eine bessere Welt“ herbeigefleht werden.
Wir spielen jetzt die ersten beiden Sätze.
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Und jetzt, nach dieser unfassbaren Musik, wo jede Sprache arm wird,
wo wir schweigen müssten, jetzt soll ich noch etwas über
Mozart sagen und womöglich auch über dieses Jahr? Nein,
zu dieser Musik passen keine Festreden. Wie kann ich da noch etwas über
Mozart sagen? Niemand kann es, aber alle tun es jetzt. Österreich
heißt in diesem Jahr Mozart. Aber das hat nichts mit ihm zu
tun, ich fürchte, mehr mit Geld und Geschäft. Eigentlich
müssten wir uns ja genieren. Denn was Mozart von uns verlangt
und seit mehr als 200 Jahren verlangt, wäre so einfach: Wir
müssten ganz still und aufmerksam zuhören, und wenn wir
seine wortlosen Beschwörungen und Plädoyers verstünden,
dann müssten wir uns, wie schon gesagt, eigentlich eher genieren
als uns stolz zu brüsten.
Jetzt bejubeln wir ihn und das klingt fast so, als wollten wir uns
selbst bejubeln. Wir haben aber überhaupt keinen Grund, auf
irgendetwas stolz zu sein, was mit Mozart zusammenhängt. Schon
seit damals, als er hier in Salzburg und in Wien lebte. Er verlangt
etwas von uns mit der unerbittlichen Strenge des Genies und wir bieten
ihm unsere Jubiläen mit ihren Umwegrentabilitäten und Geschäften
und lassen seine Töne zerstückelt aus allen Werbekanälen
tropfen - das dürfte einfach nicht sein, das ist ein Skandal
und eine Schande. Wie kann man das tolerieren? Aber wenn so ein Besinnungsjahr
trotz alledem einen Sinn haben soll, dann müssen wir hören,
hören, hören, und können dann vielleicht einen kleinen
Teil der Botschaft verstehen. Mozart braucht unsere Ehrungen nicht – wir
brauchen ihn und seinen aufwühlenden Sturmwind. So ein Jahr
ist in Wirklichkeit unsere Chance.
Was ist denn der Inhalt seines Plädoyers? Es ist die Kunst
selbst, es ist die Musik, und wir haben Rechenschaft darüber
abzulegen, was wir mit ihr gemacht haben und immer noch machen -
und darüber, was wir versäumen und nicht machen. Die Kunst
und mit ihr die Musik ist ein wesentlicher Bestandteil des menschlichen
Lebens, sie ist uns geschenkt als Gegengewicht zum Praktischen, zum
Nützlichen, zum Verwertbaren. Es leuchtet mir ein, was manche
Philosophen sagen, dass es die Kunst und eben die Musik ist, die
den Menschen zum Menschen macht. Sie ist ein unerklärliches
Zaubergeschenk, eine magische Sprache.
Die letzten Generationen haben ihr Schwergewicht immer mehr und
mehr auf das unmittelbar Verwertbare gelegt. Man meint wohl, die
Glückserwartung scheine nur im Materiellen zu liegen. Glück
wird mit Wohlstand und Wohlstand mit Besitz gleichgesetzt: Es geht
mir besser, je mehr ich besitze. Und diese Einstellung wirkt sich
bereits in der Erziehung und in den Lehrplänen der Schulen aus.
Nach und nach wird alles Musische verdrängt, alles, was die
Fantasie fördert und was unverzichtbar ist - fast müsste
man schon sagen: wäre - für ein menschenwürdiges Leben.
Heute können hier die meisten Kinder nicht einmal mehr singen,
weil sie nie dazu angeleitet wurden. Sie wissen nicht, wie man die
Töne formt, und sie kennen keine Lieder. Da fängt aber
das Musik-Machen, das Musik-Verstehen an, mit drei, vier, fünf
Jahren schon. Später überlässt man es sowieso dem
Radio und dem Walkman.
Dieses Jahr jetzt mahnt uns in aller Eindringlichkeit, dass unsere
Kinder das Recht auf eine volle Bildung und nicht nur auf Ausbildung
haben. Es ist symptomatisch für unsere Bildungsziele, dass bei
den Kontrollmethoden, etwa der Pisa-Studie, die Musik praktisch keine
Rolle spielt. Nebenbei bemerkt: Die beiden Artikel der Allgemeinen
Erklärung der Menschenrechte, die über Bildung und Kultur
handeln, Nr. 26 und 27, sind von peinlicher Dürftigkeit. Wenn
zu Rechnen, Schreiben und Lesen nicht die Kunsterziehung gleichgewichtig
hinzutritt, wenn das Nützlichkeitsdenken alles beherrscht -
und wir sind nahe daran - dann besteht höchste Gefahr, dass
der Materialismus und die Raffgier zur götzenhaften Religion
unserer Zeit werden.
Ist es nicht schon so weit? Kardinal König sagte vor einigen
Jahren: „Der Weg Europas hat in eine Sackgasse geführt:
Vorrang der Technik vor der Ethik, Primat der Sachwelt vor den Personenwerten.“ Pascal
sprach im 17. Jahrhundert von den zwei einander bedingenden Denkweisen
des Menschen: Er nannte sie das arithmetische Denken und das Denken
des Herzens. Kierkegaard warnte schon um 1840 vor dem drohenden Materialismus,
er schrieb: „Man befürchtet im Augenblick nichts mehr,
als den totalen Bankrott in Europa...“, übersieht aber „...
die weit gefährlichere, anscheinend unumgehbare Zahlungsunfähigkeit
in geistiger Hinsicht, die vor der Tür steht“.
Es geht mir jetzt nicht so sehr um eine größere Beachtung
der Kunst in ihrem erlauchten Spitzenbereich. Es geht darum, dass
diese höchsten Formen schließlich ins Leere rufen, wenn
niemand mehr die Sprache versteht. Die Musik ist ja keineswegs die
abgehobene Geheimsprache einer arroganten, selbstbewussten und privilegierten
Minderheit, nein, jeder kann ihre Botschaft mitbekommen, kann teilnehmen
an ihren Reichtümern, wenn die Antennen von klein auf richtig
eingestellt werden.
Da die Kunst im Bereich der Fantasie zuhause ist, hat sie etwas
Rätselhaftes, nicht Erklärbares. Ihre unsichtbare Macht
ist gewaltig und gefährlich, ihre Wirkung subversiv. Deshalb
haben Machthaber immer wieder versucht, sich ihrer zu bedienen. Ohne
Erfolg, denn Kunst ist stets oppositionell und souverän, sie
lässt sich weder zähmen, noch einverleiben. Sie ist eine
Sprache des Unsagbaren, die aber manchen letzten Wahrheiten wohl
eher nahe kommt als die Sprache der Worte, der Verständigung
mit ihrer Logik, mit ihrer Eindeutigkeit, ihrem schrecklichen Ja
oder Nein.
Die Rolle, die wir der Kunst zubilligen, ist vielfach: sie uns dienstbar
zu machen, sie zu zähmen, aber auch uns mit ihr zu brüsten.
In unserem schönen, geförderten Musikleben sollen die Menschen
nach aufreibender Arbeit Freude und Erholung finden - sollen wieder
Kraft finden für den Alltagsstress. (Die Nazis nannten das „Kraft
durch Freude“ - mit ähnlicher Begründung wie bei
den Menschenrechtsartikeln). Ein gefährlicher Schritt im langen
und illegalen Prozess, Kunst „nutzbar“ zu machen.
Die Musik der großen Komponisten hat diesen Trend fast nie
bedient, sie war schon immer viel mehr: nämlich sensible Reaktion
auf die geistige Situation der Zeit. Sie war und ist ein Spiegel,
der den Hörer sich selbst zu erkennen half, der ihn auch in
Abgründe blicken ließ. Als man Mozarts g-moll-Symphonie
zum ersten Mal hörte, wurde gefragt, ob derartige Erschütterungen
zulässig seien. Diese Symphonie ging ja für die Menschen
damals bis in die Extreme der musikalischen Sprache. Der Züricher
Musikästhetiker und Kulturphilosoph Hans Georg Nägeli (1773-1836)
bezweifelte - wie manche seiner Zeitgenossen - ob derartiges noch
zulässig und zumutbar sei. Damals ist wohl keiner beruhigt nach
Hause gegangen.
Durch die Kunst werden wir ja zu Erkenntnissen geführt, oft
geradezu gestoßen: Sie ist der Spiegel in den wir schauen müssen.
Um dem zu entkommen, hat man eine bloß ästhetisierende,
manche sagen „kulinarische“ Art, mit Kunst umzugehen
angenommen: Man hört „schöne“ Musik, man sieht „schöne“ Bilder,
aber man lässt sich lieber nicht von ihr erschüttern, oder
gar umkrempeln.
Als junger Orchestermusiker vor 50 Jahren musste ich die g-moll-Symphonie
jährlich oft und oft spielen - damals immer lieb und hübsch,
die Zuhörer wiegten selig ihre Köpfe, man sprach nachher
von „Mozart-Glück“. Die Partitur auf meinem Pult
aber sagte anderes. Wie hier alles in Frage gestellt, ja geradezu
zerstört wird: die Melodie, die Harmonie, der Rhythmus! Nichts
ist so, wie es korrekterweise sein müsste, außer vielleicht
das romantische Trio des Menuetts. Es kann schon sein, dass man damals,
nach dem Krieg, die ausstrahlende Harmonie, das rein Beglückende
gebraucht hat - die Kehrseite der Medaille hatte man ja grausam erlebt.
So kehrten praktisch alle Mozart-Interpretationen damals das Helle,
Positive hervor und unterdrückten das Erschütternde.
Diese Symphonie wurde zu meiner persönlichen Schicksalssymphonie,
sie hat mein Leben nachhaltig verändert, da ich sie eines Tages,
nach 17 Jahren als Orchestercellist, so nicht ein einziges Mal mehr
spielen wollte. Ich verließ das Orchester.
Man kann in dieser Symphonie auch ein großes Beispiel sehen, ähnlich
vielen Werken der Literatur und der bildenden Kunst. Wie weit darf,
soll oder muss Kunst gehen? Aber auch: Was kann und muss der Hörer
zu ertragen bereit sein? Mozart ist immer wieder an diese Schmerzgrenze
gegangen.
Wie fast alle großen Künstler bleibt Mozart als Person
rätselhaft, ja geradezu unheimlich. Man meint, alles über
ihn zu wissen. Sein Leben ist ja bestens dokumentiert, aber wenn
man etwas über ihn sagen will, bemerkt man, dass man ihn überhaupt
nicht kennt.
Unser geschichtliches oder biografisches „Wissen“,
ganz allgemein gesprochen, ist ja kein Wissen. Wir erwerben es indirekt
und meinen, Augenzeugen zu sein. Wir nehmen die Bilder - etwa des
Fernsehens - als Fakten, wir glauben, dabei gewesen zu sein, haben
aber nichts gespürt auf unserer Haut und in unseren Herzen.
Die Bilder sind Bilder, aber die Wirklichkeit ist nur vorgetäuscht,
sie war ganz anders. Wir werden die Wahrheit über Mozart nie
erfahren, es ist unser selbst gemachtes Bild, das wir dafür
halten. Nur das Werk birgt die Wahrheit. Den Menschen zu verstehen
scheint unmöglich. So gelangen wir, wie bei vielen Künstlern,
zu einer Art Doppelgängersicht. Als gäbe es zwei Mozarts:
das spielende Kind, den heiteren, extrovertierten jungen Mann, von
dem seine Freunde sagten, er sei niemals mürrisch gewesen; der
von Jugend an seine Briefe in einem geschliffenen Stil schrieb; gebildet,
schlagfertig und sicher.
Den Mozart der Biografien, mit seinen finanziellen, familiären
und künstlerischen Krisen; war er reich oder arm? Zerkracht
mit seinem Vater oder in liebevoller Harmonie? War er künstlerisch
gescheitert nach dem Wiener Misserfolg von „Le Nozze di Figaro“?
- Ich glaube kein Wort davon, denn wie Oswald Spengler sagt: „Natur
soll man wissenschaftlich traktieren, über Geschichte soll man
dichten“ - und das tat man über die Maßen. Aber
der andere Mozart ist der Eigentliche, ist ungreifbar und unbegreifbar,
er entzieht sich jeder Beurteilung. Wenn wir ihn erfassen wollen,
müssen wir beschämt erkennen, dass unsere Elle nicht in
sein Maßsystem passt - er kommt von einem anderen Stern. Er
lebt nur durch sein Werk: Ernsthaft in jedem Augenblick, auch im
Witz beklemmend - der „Musikalische Spaß“, ein
ebenso dunkles Stück wie die gespenstische Lach-Arie in „Zaide“.
Was muss das für ein Schock gewesen sein im Hause Mozart, als
der Vater im Kleinkind das Genie erkannte: Man meint ein herziges,
gescheites Kind zu haben und sieht unvermittelt ein Krokodil. Ein
Genie wie Mozart wird nicht, das ist - paff - wie ein Meteor aus
dem Universum. Kein spielendes Kind, eher ein spielender Erwachsener.
Es ist in der menschlichen Gesellschaft nicht vorgesehen, ein Genie
großzuziehen, dafür gibt es keine Vorbilder. So ein dämonisches
Wesen okkupiert selbstverständlich seine Umgebung, man kann
es nicht „erziehen“, es ist ein geliebter und zugleich
beängstigender Hausgenosse. Von seinen ersten musikalischen Äußerungen
an ist Mozarts Weg als Künstler von einer Unbeirrbarkeit, von
einer atemberaubenden Sicherheit - genau konträr zu seinem äußerlichen
Lebensweg.
Schon als Kind komponierte er Werke, deren emotionaler Inhalt weit über
das hinaus geht, was er erlebt und erfahren haben konnte. So können
wir von dem Jüngling, der er immer war und blieb, die letzten
und tiefsten Geheimnisse von Liebe und Tod, von Tragik, Schuld und
Glück erfahren.
Er zwingt uns, in seelische Abgründe zu schauen und kurz darauf
in den Himmel; vielleicht ein Griffel in der Hand Gottes.
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